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Altersdemenz

Auszug aus: Innovativer Umgang mit Dementen. Strategien, Konzepte und Einrichtungen in Europa. Hg. Von Marcello Cofone, Hans Sträßer, Demenzverein Saarlouis und der Leitstelle Älterwerden Saarlouis

Die vier Stadien der Altersdemenz nach Feil
Wie kann ich Demente aktuell einschätzen ?

Mit diesem Baustein erhalten PraktikerInnen ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für die Praxis, eine originäre Entwicklung von Naomi Feil.
Denn alle Verlaufsbeschreibungen, die es aus dem biomedizinischen Modell heraus gibt, sind an Defiziten, Diagnostik und somatischer Pflege orientiert, und helfen wenig für den alltäglichen Umgang. Ganz anders das Einschätzungsmodell der Validation.
Naomi Feil erkannte aus Ihren jahrzehntelangen Erfahrungen heraus vier typische Zustände von Dementen, nach deren körperlichen und psychischen Charakteristika sich Demente und ihr Verhalten aktuell zuordnen lassen. Nicht um einer bloßen Etikettierung wegen, wie manche kurzsichtige Kritiker meinen, sondern um zum einen den dementiellen Veränderungsprozeß als einen logisch zusammenhängenden, zunehmenden Rückzugsprozeß von der Realität darzustellen. Differenziert werden psychische und körperliche Charakteristika für jedes Stadium dargestellt, die mir trotz aller Individualität eine Richtschnur werden, um Menschen mit einer Demenz aktuell einschätzen zu können. Denn aus jedem Stadium ergibt sich eine spezifische Grundhaltung für die konkrete Kommunikation. Es gibt Menschen, die sind überwiegend in einem Stadium, andere wiederum wechseln zwischen zwei Stadien. Insgesamt werden von Validations - AnwenderInnen gerade diese Stadienbilder als wertvolle Praxishilfe erfahren, und sollen im folgenden kurz skizziert werden.
 
Abbildung
 
Menschen in Stadium 1 sind geistig weitestgehend orientiert, aber "unglücklich orientiert" an der Realität, sie stehen psychisch gesehen, an der Kippe zu dem o.g. Rückzugsprozeß, klammern noch an der Realität. Physisch erkennbar z.B. oft an der durchschnittlich erhöhten Körperspannung, und an dem klaren fokussierten, manchmal stechenden Blick. Diese Menschen sind noch „orientiert an der Realität“, können zunehmend aber nicht mehr mit halten. Deshalb wird eine Fassade aufgebaut, und man gibt vor, keine Probleme oder Defizite zu haben. Die eigenen Verluste werden psychisch gesehen ,projiziert auf Andere, die einen bestehlen, vergiften, oder verfolgen. Manche Menschen in diesem ersten Stadium wiederum jammern extrem oder horten Dinge, Symbol ihrer eigenen Verluste. Gerontopsychiatrisch erinnert dieses Bild an einen Zustand von Depressivität mit Wahnideen. Gegenüber einem Menschen in Stadium 1, häufig noch ohne offizielle Demenz - Diagnose, gilt es eine betont respekt - und verständnisvolle Haltung einzunehmen. Es sollte möglichst nichts in Frage gestellt werden.

Mit dem zweiten Stadium der "Zeitverwirrtheit" beginnt der eigentliche Rückzugsprozeß aus unserer logischen, orientierten Welt. Die Menschen klammern nicht mehr an der Realität. Das ist physisch erkennbar an der i.d.R. gelösten Muskelspannung, eher langsame, suchende Bewegungen, der Blick weich, häufig defokussiert. Die sog. „Wanderer“ gehören z.B. dazu. Zeitverwirrte sind Menschen, die innerlich auf "Zeitreise" sind, Menschen, die ihre reale Umwelt häufig im Kontext der eigenen Lebensgeschichte symbolisch verkennen : der Mann lebt auf einmal wieder ganz selbstverständlich, sie sind bei der Arbeit, die Pflegerin ist die eigene Tochter usw. Symbolisch deswegen, weil dahinter offensichtlich der Rückzug in eine zumindest phasenweise angenehmere Vergangenheit steht, die Beschäftigung mit wichtigen früheren Rollen und Konflikten der eigenen Biographie.
Im direkten Umgang ist meist der Zugang über die Gefühlsebene zu Menschen in diesem Stadium gut möglich, "mit einem Schritt ist man in ihrem Leben.“ Berührung und non - verbale Kommunikation spielen eine immer größere Rolle.

Geht dieser "seelische Rückzugsprozeß", der zugleich ein Abbauprozeß der geistigen und körperlichen Fähigkeiten ist, noch weiter, so wird das Stadium der "sich wiederholenden Bewegungen" erreicht. Schreien, klopfen, über den Tisch reiben, nesteln, sich wiegen sind typische Ausdrucksformen in einem individuellen Muster. Sie ersetzen nach Annahme der Validation zunehmend die Sprache, sie sind körpersprachlicher Ausdruck für eigene Gefühle, und als Selbststimulation zu sehen. Kurze Konzentrationsfähigkeit, wie überhaupt geringe Außenwahrnehmung erschweren die Kommunikation. Die bewußte Kenntnis über den Zustand des eigenen Körpers scheint zu schwinden.. Hier gilt es, sehr nahe heran zu gehen, auf allen Sinneskanälen zu stimulieren, und vor allem an Musik als Kommunikationsmittel denken.

Im letzten Stadium des "Vegetierens" ist ein extremer Zustand des Rückzugs erreicht. Häufig eingerollt in embryonaler Stellung, kaum noch sprechfähig und mit oft geschlossenen Augen, geben sie den Pflegenden nur sehr subtile, im wesentlichen körpersprachliche Informationen über die aktuelle körperliche und gefühlsmäßige Befindlichkeit. Ein kommunikativer Zugang ist in diesem Stadium nur sehr schwer und eingeschränkt möglich.

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